Wie schmeckt Wein eigentlich? Teil I: Das Aussehen

Die Frage müsste der Vollständigkeit halber lauten: Wie schmeckt, riecht, sieht und fühlt sich Wein eigentlich an. Denn, Wein trinken ist ein Erlebnis aller Sinne. So poetisch es klingt, so war ist es.

Als erstem wesentlichem Punkt widmen wir uns dem Glas: Ihr solltet zwingend ein klares, durchsichtiges und möglichst dünnes Glas verwenden, um die Farbe optimal zu begutachten. Am Rande bemerkt, sollte das Glas auch eine gewisse Größe aufweisen, damit wir nachher auch den Geruch richtig gut beurteilen können. Zweiter Punkt an dieser Stelle: Verwendet unbedingt ein Glas mit Stiel. Sonst verändert eure Hauttemperatur nämlich die Weintemperatur.

Als erstes „nähert“ man sich dem Wein ja optisch. Also, welche Farbe hat er. Wenn wir uns jetzt klassischer Weise einen Rotwein vorstellen, lautet die einfachste Antwort „rot“. Schaut man dann genauer hin, hält man den Wein gegen das Licht und schwenkt ihn schon mal ein klein wenig im Glas, so werdet ihr feststellen, dass der Begriff „rot“ zu kurz gegriffen ist.

Am besten schaut ihr als erstes von schräg oben in das Glas und schaut euch an, wie stark ausgeprägt die Färbung ist, ist der Wein klar oder eher trüb… Um also beim Beispiel Rotwein zu bleiben: Ist es ein kräftiges oder eher blasses Rot, funkelt es, welche Tönung hat es, Rubinrot oder eher wie dunkle Beeren leicht violett. Ist der Rotton stark gesättigt oder mehr transparent… Die Liste ließe sich jetzt noch endlos fortsetzen, aber das würde dann wahrscheinlich den Blog sprengen. 😉

Anhand der Farbe könnt ihr bereits viele Fakten über den Wein sammeln. Ihr könnt- ich gebe zu mit viel Übung- zum Beispiel erkennen, ob der Wein oxidiert ist (dann ist er bräunlich gefärbt) oder sogar verdorben. Problematisch wird bei der Färbung aber die „Werbung“. Vielfach wird propagiert, dass der Rotwein dunkel gefärbt sein muss, um gut zu sein. Das dem nicht so ist, könnt ihr euch denken, wenn ich euch sage, dass Winzer durchaus in der Lage sind, den Farbton ihrer Weine zu- sagen wir mal- „korrigieren“.

Wenn ihr wirklich gut die Qualität eines Weines anhand der Farbe beurteilen wollt, dann schaut euch die Farbqualität und die Reflexion an. Wie bei jedem „Lebewesen“ setzt auch beim Wein der Verfall ein und zwar ab seiner Geburt. Das kann beschleunigt werden, z.B. durch falsche  Lagerung, unsachgemäßen Transport etc. Dementsprechend verändert sich natürlich auch die Färbung des Weines. Er verliert dann an Tiefe und sieht irgendwie müde aus. Außerdem verliert die Färbung an Intensität. Richtig gute Weine dagegen haben eine sehr hohe Farbdichte und zwar völlig unabhängig davon ob sie klar sind oder eher matt. Hat der Wein eine Trübung, so kann das entweder ein unfiltrierter Wein sein (eher selten) oder er ist mikrobakteriell verunreinigt. Das merkt ihr dann aber nicht nur am Aussehen, sondern auch am Geruch und am Geschmack. Wenn dem so ist, nehmt euch ein Herz und kippt das Zeug weg! Denn ihr wisst ja, das Leben ist zu kurz für einen schlechten Wein! Kein Problem dagegen ist, wenn der Wein eine Depotbildung- also Bodensatz- oder Weinkristalle aufweist. Dann braucht ihr den Wein nur dekantieren (in eine Karaffe umfüllen).

Am besten erkennt ihr die Farbdichte, wenn ihr euer Glas schräg gegen sanftes, indirektes Licht haltet. Also schaltet die Deckenfluter aus und zündet euch eine Kerze an. Direktes Sonnenlicht ist im Übrigen genauso ungeeignet wie eine Halogenlampe.

Anhand der Farbdichte könnt ihr auch das Alter eines Weines beurteilen. Rotweine nehmen in aller Regel an Farbintensität ab, während Weißweine zunehmen. Rotweine werden gerade zum Glasrand hin also heller. Wenn ihr also einen Rotwein von dunkelroter, fast violetter Farbe habt, dann seit ihr dabei einen jungen Wein zu verkosten. Im Alter nimmt er dann ein Farbspektrum von (ziegel-)rot bis braunrot ein. Ist der Wein sehr bräunlich, dann wisst ihr ja bereits, dass ihr aufpassen müsst, da der Wein ggf. oxidiert sein kann. Beim Weißwein wie gesagt, ist der Prozess genau umgekehrt. Sie werden dunkler. Ein sehr hellgelber, manchmal fast schon grünlicher Ton weist also auf einen jungen Weißwein hin. Je älter der Weißwein wird, desto mehr geht die Färbung in eine bersteinfarbene Richtung.

Was ihr in dem Zusammenhang auch ansehen könnt, ist die Viskosität des Weines- also die Zähflüssigkeit. Man spricht hier von öligen bis hin zu dünnflüssigen Aggregatszuständen. Eine hohe Viskosität haben Weine mit einem hohen Zucker- oder auch Alkoholgehalt, was u.a. bei den Trockenbeerenauslesen der Fall ist. Wie zähflüssig der Wein ist, erkennt ihr, daran wie schnell der Wein nach dem Schwenken an dem Glas „hinunterläuft“. Aus dem herablaufenden Wein bilden sich die sogenannte Kirchenfenster oder Tränen. Je nachdem wie groß der Abstand zwischen diesen Tränen ist- also eng oder weit, leitet sich die Viskosität des Weines ab. Sind die Kirchenfenster oben eher spitz, also der Abstand zwischen den Tränen gering, dann hat der Wein einen relativ hohen Alkoholgehalt. Niedriger ist er, wenn die Kirchenfenster eher im Rundbogenstil laufen. Dazu möchte ich aber noch anmerken, dass sich hier die Experten über die Sinnhaftigkeit dieser Methode streiten, denn sie ist natürlich nicht allzu genau.

Also fassen wir zusammen:

Je besser der Wein, desto klarer ist er und desto weniger Schwebstoffe hat er.

Je komplexer, funkelnder die Färbung, desto höher ist die Weinqualität.

Je älter Rotwein wird desto mehr nimmt die Farbintensität ab und je älter Weißwein wird desto mehr nimmt die Farbintensität zu.

Nehmt euch am besten heute Abend ein Glas Wein, zündet eine Kerze an und sinniert über das Farbspiel des Weines.

Viel Spaß dabei und weinhaltige Grüße

 

Julia Bock

 

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